JUBILÄUM Sie versorgt weit über Spiez und das Frutigland hinaus Leserinnen und Leser mit neuem Material und bildet die Branchenleaderinnen von Morgen aus in einem Markt, der seit Jahrzehnten regelmässig totgeglaubt wird, sich jedoch hartnäckig dem Zeitgeist an passt. Hanni Meinen schaut auf zehn Jahre Bücherperron GmbH zurück. ALINA DUBACH

Bücher, wo man hinschaut. An den Wänden, auf Tischen, sogar auf dem roten Sofa, dass zum Verweilen einlädt. Was hier fehlt: die pastell-farbenen Armeen mit #auftiktokgesehen-Stickern, die bei «den Grossen» mittlerweile dominieren. Dafür lassen sich hier individuelle Schätze entdecken, die in anderen Ge schäften in der Masse verschwinden. Das Bücherperron in Spiez gehört zu einer selten gewordenen Gattung: Die kleine Buchhandlung um die Ecke, ge führt durch die Inhaberin, die selbst gerne und viel liest. Unterstützt wird sie durch ein kleines Team, dass mit ebenso viel Herzblut den richtigen Lesestoff zur richtigen Leseratte bringt. Hanni Meinen hat im Mai 2016 die Geschicke der kleinen, unabhängigen Buchhandlung übernommen. Sie ist seit 40 Jahren Buchhändlerin und kennt die Herausforderungen, die sich allen Buch begeisterten stellen, die in diesen dauer haft «vom Aussterben bedrohten» Beruf einsteigen wollen. «Frutigländer»: Zehn Jahre Bücherperron GmbH, ist das für Sie eine lange Zeit? Oder ist es, als wäre es gestern gewesen? Hanni Meinen: Die Zeit ist wahnsinnig schnell verflogen. Ich bereue meine Ent scheidung in keiner Art und Weise. Ich habe schon davor den Laden jahrelang geführt und war dabei, als wir hierher, an die Oberlandstrasse, umgezogen sind. Ich wusste genau, worauf ich mich einlasse. Wie sind Sie zum Bücherperron gekommen? Ich war bei der G. Maurer AG viele Jahre angestellt. Zuerst habe ich zwei Jahre Papeteristin gelernt und war dann die erste, die die Chance bekommen hat, Buchhändlerin zu werden. Mit 24 Jah ren habe ich dann die Leitung des Buch handlungsteils übernommen. In all dieser Zeit habe ich auch immer Berufs einsteigerinnen ausgebildet. Vor etwa elf Jahren hiess es dann: «Entweder du übernimmst, oder das Bücherperron gibt es nicht mehr. Wie hat sich das Bücherperron entwickelt? Früher waren Buchhandlung und Pape terie zusammen in einem Ladenlokal an der Seestrasse. Dann sind wir mit der Buchhandlung ausgezogen, als die Mi gros Richtung Bahnhof hinaufzog. Dort hin, wo heute die Tierarztpraxis ist, wenn man nach Aeschi hinauffährt. Wir hatten 40 Quadratmeter und wurden zum ersten Mal als eigenständige Buch handlung wahrgenommen. Davor waren wir immer Teil von etwas Grösserem. Der Papeterie, die auch Teil einer viel grösseren Druckerei der Schlaefli Mau rer AG war. Das verrückte ist, wir sind die einzigen aus diesem Konzern, die es heute noch gibt. War es für Sie ein klarer Fall, das Bücher perron zu übernehmen oder haben Sie ge zögert? Ich war da schon zwei oder drei Jahre Mitglied in einer Erfahrungsaustausch Gruppe im Buchhandel mit dem Thema «Lernen von den Besten». Wir sind da abwechslungsweise in einer unserer Buchhandlungen gewesen und haben dort einen Tag zusammengearbeitet. Ein Buchhandelscoach aus Hamburg, Jörg Winter, war auch dabei. Jeweils im Herbst kam die Gruppe zu uns nach Spiez. So konnte ich sie fragen, ob sie den Spatz in der Hand – die Papeterie. Aber ich sage: Alle, die Buchhändlerin werden wollen, werden auch Buchhänd lerin. Das war auch bei Regula Schopfer so. Inwiefern? Wir arbeiten mittlerweile seit zehn Jah ren zusammen. Sie hat im Frühling an gefangen, als ich den Laden übernom men habe. Sie musste sich damals für die Lehre zwischen Blumen und Bü chern entscheiden, sie wurde Floristin. Mit über 40 und einer kleinen Tochter hatte sie die Bücher immer noch im Kopf. Ich hatte gerade übernommen, die Lernende war fertig, eine Angestellte hatte gekündigt und eine Kundin meinte: «Ich weiss da jemand, aber sie ist Flo ristin.» Regula hat die Kurzausbildung zur Buchhändlerin gemacht und arbei tet immer noch hier. Was hat sich in all der Zeit, in der Sie nun schon im Buchhandel arbeiten, verändert? In meiner Lehrzeit waren wir noch so etwas wie die Hüterinnen des Wissens. Da gab es den VLB, das Verzeichnis der lieferbaren Bücher, vier dicke, schwere Kataloge, die immer im Frühling er Immer genug Bücher in den Händen: Hanni Meinen (links) und Regula Schopfer. den Betrieb zu diesen Konditionen über nehmen würden. Und sie sagten: «Wenn du keine anderen Lebensträume hast, mach es. Die Bedingungen sind fair.» Das hat mich sehr bestärkt. Die Bedin gungen waren wirklich fair. Und andere Lebensträume gab es keine? Nein. Natürlich wird man als Inhaberin einer Buchhandlung nicht reich. Aber das, was ich zum Leben brauche, sind Bücher. Und die habe ich. Das Sortiment im Bücherperron ist speziell. Ich sehe hier Bücher, die ich in anderen Buchhandlungen nicht sehe. Wie entschei den Sie, welche Bücher Sie ins Sortiment aufnehmen? Im Januar und Februar kommen jeweils über 20 Verlagsvertreterinnen und -ver treter mit unterschiedlich grossen Map pen. Sie setzen sich hier auf unser Sofa und stellen in einer Stunde ihr Angebot vor. Im Juni und Juli wiederholt sich das auf der Herbstreise. Bei jedem Buch, das hier steht, entscheide ich, ob ich es will. Es ist ein handverlesenes Sortiment. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie? Es ist ein Bauchgefühl kombiniert mit Erfahrung. Bei Jugendbüchern und Young Adult nehme ich meine Lernen den bei der Buchauswahl stark dazu. Mit manchen Vertreterinnen und Vertre tern arbeite ich seit 20 Jahren zusam men. Wenn die sagen: «Ich habe es ge lesen und es hat mir gefallen», dann glaube ich ihnen. Trotzdem werden bei uns nur jene Bücher zu Lieblingsbü chern und persönlichen Empfehlungen, die wir selbst gelesen haben. Ich habe das Gefühl, Ihr Angebot hat einen gewissen Fokus auf Frauen. Vielleicht merkt man auch einfach, dass hier Frauen die Buchhandlung führen? Das kann sein. Meine Frage ist, ob es be wusste Entscheidungen sind oder Zufall? Möglich. Ich bin Gründungsmitglied des Frauenforums Spiez, das Frauen für Po litik sensibilisiert. Seit über 30 Jahren. Bevor ich Mutter wurde, war ich im Grossen Gemeinderat. Ich finde es eine schöne Rückmeldung, das hat noch nie jemand so gesagt. Abgesehen vom handverlesenen Sortiment, worauf achten Sie? Für mich ist zentral, dass die Leute wis sen, wo sie einkaufen. Den lokalen Han del unterstützen. Seit ich das Bücherper ron übernommen habe, stehen hier immer frische Blumen von Katrin aus dem Blütenmehr. Oder auch Anita mit ihrer süssen Werkstatt weiter die Stras se runter. Zwei, drei jüngere Unterneh merinnen, bei denen ich sehr hoffe, dass ihre Projekte eine Zukunft haben. Wir haben alle Möglichkeiten mit Webshops BILDER: ALINA DUBACH und der Technik generell. Aber ich hoffe sehr, dass wir den lokalen Handel behal ten werden. Sie haben selbst auch einen Webshop. Wie vereinbaren Sie das mit der Idee, den loka len Handel zu unterstützen? Unser Webshop funktioniert etwas an ders. Wir verschicken die Bücher zwar auch, dass ist aber eher selten. Die Leute bestellen ihre Wunschbücher hier ins Geschäft und kommen vorbei, um die Bücher abzuholen. Viele setzen sich dann aufs rote Sofa und schmökern noch etwas in anderen Büchern. Sie haben schon vorhin Ihre Lernenden er wähnt. Das Bücherperron bildet als einzige Buchhandlung im Berner Oberland – wenn wir Thun ausklammern – noch aus. Wieso ist Ihnen das wichtig? Die Berufseinsteigerinnen und -einstei ger, die wir heute ausbilden, prägen in ein paar Jahren die Branche. Ausserdem mache ich es gerne. Wissen weitergeben. Und es gibt eine Bereicherung, die Per spektive der jungen Leute mit ihren tech nischen Fähigkeiten kennenzulernen. Ist es immer noch so, dass es mehr Interes sierte gibt als Lehrstellen? Ja, in jeder Generation war das so. Mir ist es auch ausgeredet worden. Mein schulischer Rucksack stimme nicht. Da dachte ich zuerst, dann nehme ich halt Hanni Meinen achtet nicht nur bei den Büchern mit viel Liebe auf die Details, sondern auch bei der Dekoration. schienen. Im Herbst kam dann Ergän zungsbände dazu. Darin haben wir bib liografiert. Es gab damals keine PCs. Buchhändlerinnen und -händler hatten damals eine andere Stellung. Ich erin nere mich etwa an die Karten, die wir für die Kundinnenkartei verwendet haben. Ich spreche bewusst von Kundin nen, weil wir etwa dreiviertel Frauen re gistriert haben. Wie verändert sich Ihre Kundschaft? Gibt es Personen, die seit Jahren immer kommen? Ja, wir haben wirklich eine treue Stamm kundschaft. Leider kommt es auch immer wieder vor, dass Leute, die ich seit Jahrzehnten kenne, sterben. Ent sprechend freut es mich, wenn junge Mütter mit dem Kinderwagen herein kommen und den Kleinsten die Welt der Bücher zeigen. Mein soziales Leben spielt sich zu einem grossen Teil hier ab. Wenn meine Tochter nach Hause kommt, muss ich immer etwas aufpassen, dass ich nicht nur vom Bücherperron spreche. Bücher sind Ihr Leben, Ihnen gehört ein Buchladen, das ist ein Vollzeitjob. Wie viele Bücher lesen Sie pro Monat? Genau, ich arbeite 100 Prozent. Lesen ist Lebenszeit für mich. Ich kann Bücher auch nicht anlesen oder schnelllesen. Wenn ich mich für ein Buch entscheide, lese ich es von A bis Z, am liebsten auf dem Sofa mit Kafi und Schoggi. Etwa fünf Bücher im Monat, mein Ziel ist etwas über 60 im Jahr zu lesen. Und was, wenn das Buch nicht gut ist? Dann lege ich es vielleicht kurz zur Seite, aber ich breche sehr selten ab. Lesen ist für mich Herunterfahren, meine Medi zin. Egal, ob es etwas Literarisches ist oder ein Wohlfühlkrimi, ich kann sofort abtauchen. Nach ein paar Seiten fühle ich mich immer besser. Welches Buch würden Sie einer erwachse nen Person empfehlen als Einstieg ins Lesen? Gute Frage. Ich stelle normalerweise na türlich Fragen, um eine Richtung be stimmen zu können. Aber «Wachsflügel frau» von Eveline Hasler ist sehr empfehlenswert. Ich finde, das sollte jede Frau gelesen haben. Ein wichtiges Buch für die Geschichte der Frauen hier. Jubiläumsanlass Samstag, 29. August 11 bis 16 Uhr Apéro und Überraschungsvernissag