McEwan, Ian: Was wir wissen können

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diogenes Verlag

409 Seiten

ISBN 978-3-257-07357-7 

CHF 37.-

Der britische Autor lan McEwan (77) überrascht bei jedem Roman mit neuen Themen und ldeen - und den Perspektiven, wie er diese verarbeitet. In "Was wir wissen können'' wird unsere Gegenwart verhandelt - mit dem Blick aus einer dystopischen Zukunft von 2119. Diese zeigt sich verseucht durch Kriege und Naturkatastrophen. Viele Landstriche sind überschwemmt, grosse Städte zerstört worden oder kaum mehr erkennbar, der Menschenbestand hat sich um mehrere Milliarden dezimiert. Reisen ist kaum mehr möglich und gefährlich.

Dass wir mit dem Wissen aus unserer Zeit nicht fähig sind, Vorkehrungen zur Schadensbegrenzung oder gar -abwendung zu leisten: Da ist McEwan der grosse Mahner. lmmerhin: Auch in hundert Jahren gibt es Bücher und Literaturforschende wie Thomas Metcalfe und seine Partnerin Rose, die sich für das Gedicht "Sonettenkranz an Vivien" des fiktiven Autors Francis Blundy interessieren.

Es wurde 2014 in einer ausgewählten Runde vorgetragen - und gilt seither als verschwunden. Enthüllte es Vergehen der Schwerindustrie, welche die Klimasensibilität zugunsten des wirtschaftlichen Erfolgs ignoriert? War es sonst brisant? Oder weist es auf eine kriminelle Tat hin, die Francis und Vivien in einem Stillschweigepakt begangen haben? Die Tagebuchsammlung von Francis und seiner Frau Vivien bietet Rose und Thomas einen Leitfaden, der sie über viele Umwege auf eine schwer erreichbare lnsel führt. Dort machen sie sich an die beschwerliche Hebung des Schatzes. 

lm zweiten Teil des Romans wird dieser Schatz in unserer Gegenwart gelüftet.

Aus der Perspektive von Vivien breitet McEwan das komplizierte Beziehungsnetz zwischen ihr und dem berühmten Dichter Blundy aus. Kompliziert, weil Vivien eine grosse Verbundenheit zu ihrem Lebensgefährten, dem Geigenbauer Percy, spürt. Seine zunächst rasch, dann schleppend voranschreitende Demenz bringt sie trotz ihrem "krankhaften Drang zur Untreue" ins Schlingern. Hat sie überhaupt einen moralischen Kompass? Und was macht sie nun mit der Pergamentrolle,

auf der das originale Gedicht existiert?

 

lan McEwan erweist sich für mich einmal mehr als grosser Erzähler. lm ersten Teilfordert er im Wechsel zwischen dem 21. und 22. Jahrhundert einiges an Mitdenkarbeit ein. lm zweiten Teil erfahren wir viel von Vivien, die einen Deal aushandelt, den McEwan ins Spannungsfeld eines Krimis hineinführt' Um am Schluss doch wieder auf das (tatsächlich?) verschollene Gedicht zurückzukommen. 

 

Buchbesprechung von Svend Peternell